Classroom4.eu - Ein interaktives Schulbuch zur Kulturgeschichte Europas
classroom4.eu ist ein Projekt, das versucht die Kultur- und Zivilisationsgeschichte Europas mit Hilfe eines von Schülerinnen und Schüler gestalteten Wikis als Austausch- und Kommunikationsprozess abzubilden. Ein Wiki ist ein Art öffentliches Lexikon mit selbst formulierten Beiträgen im Internet. Die europäische Geschichte wird verbunden mit der Recherche vor Ort:
Schülerinnen und Schüler erarbeiten in Kurzessays, wie ihre Stadt, ihre Region an den europäischen Innovationsprozessen partizipiert hat. Das Projekt richtet sich an alle europäischen Schulen der Sekundarstufe II und fördert vor allem eigenständiges, forschendes sowie wissenschaftspropädeutisches Lernen.
Das Projekt geht zurück auf eine Erklärung der Mitglieder der Europäischen Akademie in Yuste (Spanien), zu denen unter anderem Abram de Swaan, Umberto Eco, Hans Küng und Vaclav Havel gehören. Die Mitglieder der Akademie konstatierten, dass die Jugend-lichen in der Schule in den Fächern Kunst, Geschichte, Literatur, aber auch in den Naturwissenschaften weiterhin mit stark auf die eigene Nationalgeschichte ausgerichteten Curricula lernen und deshalb zu wenig über Europa erfahren. Deshalb stellten sie die Frage, was Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II am Ende ihrer Schulzeit über Europa gelernt haben sollten.
Ein Kanon an Fakten und Daten kommt dafür nicht in Frage. Vorausgehende Projekte, auch die eines europäischen Schulbuchs, sind zu Recht kritisiert worden und in Verges-senheit geraten.
Versucht man die (Kultur-) Geschichte Europas in ein einziges Buch zu fassen, muss man zwingenderweise so stark abstrahieren und so vieles weglassen, dass niemand damit zufrieden sein kann. Zudem wird es immer wieder die Klage nach dem Verlust des Eigenen provozieren.
Also muss ein anderer Ansatz gewählt werden. Der damalige Präsident der Akademie, Abram de Swaan, rief vor drei Jahren eine Arbeitsgruppe ins Leben, die ein Projekt für die Umsetzung der Akademie-Erklärung unter dem Namen classroom4.eu entwickelte. Zu der Arbeitsgruppe gehören neben Abram de Swaan der Niederländer Jan Onland, Bibliothekar aus Amsterdam, der sich um die Webseiten und das Wiki kümmert, sowie jeweils eine Lehrkraft aus Deutschland, Frankreich, Polen und Spanien. Für Deutschland arbeitet der Verfasser seit 2008 an diesem Projekt mit.
1. Idee, Aufbau und Inhalte des Projekts
Das Projekt ist offen für alle Interessierten. Vom Anspruch her richtet es sich an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II. Jedes Jahr werden einige Themen-schwerpunkte benannt, die unterschiedliche Bereiche der europäische Kultur und Wissenschaft abdecken. So sind dies in der aktuellen Testphase die Themen: die (optische) Linse, die Post, das Piano, das Porträt sowie das (geheime) Wahlrecht. Jedes Thema geht von einem konkreten Gegenstand als pars pro toto aus, z.B. die optische Linse für die Erfindung und Entwicklung von Teleskopen, Mikroskopen, Fotoapparaten bis hin zu modernen Handys. Daraus resultiert, dass das Projekt nicht nur für das Fach Geschichte, sondern auch für andere Fächer wie Musik, Physik oder für fächerüber-greifende Projekte geeignet ist. Es geht nicht um die herausragenden künstlerischen Leistungen oder wegweisenden Erfindungen aus der eigenen Region oder Stadt, sondern darum aufzuzeigen, wie diese in die europäischen Entwicklung und Geschichte eingebunden und mit dieser verflochten ist.
Wissenschaftler und Künstler standen immer in Kontakt zueinander, tauschten Briefe aus, lasen die Werke ihrer Kollegen oder reisten, um diese zu treffen, sich auszu-tauschen, um voneinander zu lernen. Europa kann als dichter Kommunikationsraum, als Netzwerk eines permanenten Austauschs, als ein Gewebe verstanden werden. Dieses war zu gewissen Zeiten enger, zu anderen loser und das an den Rändern ausfranst, aber natürlich auch Stränge aufweist, die über den europäischen Kontinent hinausweisen. Kaum eine Erfindung oder Entwicklung war tatsächlich allein die geniale Idee eines einsamen Erfinders, noch weniger ist sie der vermeintlichen Genialität einer Nation zuzuschreiben. Vielmehr geht das Projekt classroom4.eu von dem Gedanken aus, dass es der dichte, grenzüberschreitende Austausch innerhalb Europas war, der die Entwicklung der europäischen Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen befördert hat.
Nehmen wir als Beispiel das Thema der Porträtkunst: Porträts hängen in jedem Museum, in Burgen und Schlössern, teilweise auch im Foyer der Schule. Wo kommen diese Porträts her?
Wann wurden im Ort Porträts gemalt? Wer hat sie gemalt? Wer ließ sich darstellen? Warum? Viele Maler gingen nach Italien, später nach Frankreich, um sich ausbilden zu lassen. Daraus ergeben sich Einflüsse und ganze Malerschulen. Wer nicht reisen konnte oder wollte, ließ sich auch Kopien bekannter Werke schicken, um diese nachzuahmen. Im 19. Jahrhundert entstand dann mit der Fotografie eine neue Art der Porträtkunst. Und damit ergibt sich hier eine Schnittmenge zum Thema der optischen Linse. Heute hat fast jeder Jugendliche ein Handy in der Hosen- oder Jackentasche und kann damit schnell Schnappschnüsse oder eben Porträtaufnahmen seiner Freunde und Klassen-kameraden machen. Was für ein Wandel, wenn man das mit der Ernsthaftigkeit der seltenen frühen Porträtmalereien und -fotografien vergleicht!
Mit den hier einfach formulierten Fragen ist man schnell mitten in der Arbeit an einem der Themen. Die Fragen deuten bereits an, welche Bandbreite an Lerninhalten und -prozessen möglich sind.
Besonders geeignet scheint das Projekt zur Mitarbeit eines Oberstufenkurses für die Vermittlung von grundlegenden Arbeitstechniken und Kompetenzen eines wissenschafts-propädeutischen Unterrichts der Oberstufe.
2 Einführung und Umsetzung im Unterricht
2.1 Einstieg
Die Arbeit an dem classroom4.eu-Projekt bietet sich besonders für die Einstiegsphase der Oberstufe oder zur Vorbereitung auf Facharbeiten oder Ähnliches an. Nach einer kurzen Vorstellung des Projekts und der dahinter liegenden Idee sollten die Schülerinnen und Schüler zunächst Zeit haben, einige der bisher veröffentlichten Beiträge im Wiki sowie andere einführende Informationen zum Thema zu lesen. Daran kann anschließend ein kurzes Brainstorming erfolgen, indem die Schülerinnen und Schüler ihre Fragen an das Thema formulieren, die zum Ausgangspunkt der Recherchen werden.
Je nach Fach und Anlass kann die Arbeit im Kurs auf eines der Themen beschränkt oder die Wahl eines Themas den einzelnen Lernenden freigestellt werden. Hier bieten sich Möglichkeiten der Wahl und Differenzierung, allerdings sollte man als Lehrkraft berücksichtigen, dass die Schülerinnen und Schüler gegebenenfalls Hilfestellungen brauchen und die Arbeiten auch benotet werden können. Dazu ist auf Seiten der Lehrkraft einen Überblick über das jeweilige Thema bzw. die Bereitschaft, sich dort auch einzuarbeiten, nötig.
2.2 Recherche
Durch die Arbeit am Projekt erfolgt eine Öffnung des Unterrichts mit hoher Selbsttätig-keit der Schülerinnen und Schüler und eines Wechsels der Lehrerrolle zum Lernbegleiter. Es ist sinnvoll, in die Recherche einzusteigen, indem man mit den Lernenden gemeinsam Strategien zur Suche im Internet bespricht. Dabei kann und sollte man auf die guten Erfahrungen der Lernenden zurückgreifen, diese sammeln, diskutieren und strukturieren, so dass am Ende alle einen Plan für die Recherche zu ihrem Thema im Internet haben.
Das Internet ist für Schülerinnen und Schüler, und wenn man ehrlich ist auch für Lehrkräfte, heute die erste Anlaufstelle für eine schnelle Suche. Es wäre verkehrt, in der Schule künstlich andere Suchwege vorzuschreiben. Zunächst sollte eine Reflexion damit einhergehen, wie erfolgreich im Internet gesucht und entsprechende Strategien entwickelt werden. Es muss aufgezeigt werden, was man dort finden kann bzw. wo die Grenzen der Internetsuche liegen. Diese sind im Rahmen dieses Projekts relativ schnell erreicht, da sich (zur Zeit noch) wenig Detailinformationen zur lokalen und regionalen Geschichte im Netz finden und so auf Bücher zurückgegriffen werden muss. Dieses Vorgehen wird von den Schülern akzeptiert, weil es Sinn macht und logisch in in den Rechercheprozess integriert ist. Nur so lassen sich weiterführende Informationen finden. Das heißt, es wirkt besser als unmotivierte Aufforderungen von Lehrerseite doch auch mal in einem Buch nachzuschlagen.
Es bietet sich an, die Arbeit an dem Projekt mit außerschulischen Lernorten und einer Einführung in die Nutzung einer (wissenschaftlichen) Bibliothek und/oder eines Archivs zu verbinden. Auch der Besuch eines lokalen oder regionalen Museums kann weiterhelfen und weitere Suchpisten eröffnen. Ansatzpunkte für eigene Beiträge finden sich daneben auch in den Leerstellen der bereits publizierten Artikel: dort, wo Verbindungen zu anderen Personen und Orten in den Texten, aber noch keine eigenen Beiträge bestehen, sind diese rot markiert.
2.3 Zeit- und Projektplanung – Lehrerlenkung und Selbsttätigkeit der Lernenden
Zu Beginn sollte ein fester Abgabetermin für die Beiträge mit den Schülerinnen und Schülern vereinbart werden, so dass der zeitliche Rahmen für die Arbeit klar definiert ist und diese sinnvoll geplant und eingeteilt werden kann. Auch dies ist ein wichtiges Lernziel der Arbeit an diesem Projekt.
Spätestens wenn alle Lernenden ein Thema mit einer präzisen Fragestellung formuliert haben, sollte das richtige Exzerpieren und Bibliographieren thematisiert und eingeübt werden. Dies kann auch schon zu einem früheren Zeitpunkt, zum Beispiel in Zusammenhang mit der Bibliotheksführung geschehen. Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler dieses alles nicht als Trockenübung lernen, sondern handlungsorientiert an einem konkreten Gegenstand. Es entstehen dabei individuelle Produkte, die am Ende zum einen zur Veröffentlichung bei classroom4.eu eingereicht werden können, wo sie als namentlich gekennzeichnete Artikel erscheinen. Dies kann für die Lernenden eine zusätzliche Motivation sein. Die von den Lernenden geschriebenen Artikel können zum anderen aber auch von der Lehrkraft zur Benotung herangezogen werden. Neben dem Inhalt sind dann auch formale Kriterien wie korrekte Literaturangaben zu berücksichtigen.
Da die Arbeit an dem Projekt über mehrere Wochen erfolgt, ist es sinnvoll Zwischenstopps einzulegen und im Plenum den Stand der jeweiligen Arbeiten gemeinsam zu besprechen. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich ausdrücklich gegenseitig helfen und unterstützen. Fragen bei Problemen sollten zuerst an die Mitschüler gerichtet werden und nur wenn diese nicht weiterhelfen können an die Lehrkraft. Dafür ist es auch hilfreich, die Themen der Mitschülerinnen und Mitschüler zu kennen, um zum Beispiel bei Funden von interessanten Texten oder Bildern, die auch das Thema des Nachbarn betreffen, diese weiterzugeben und miteinander zu teilen. Hier kann der Einsatz einer Lernplattform, wie z.B. Moodle oder lo-net2, helfen, gemeinsame Link- und Literaturlisten anzulegen und Fragen in einem integrierten Forum auch außerhalb der Unterrichtszeiten zu beantworten. Ein eigenes Forum sowie ein Chat zum Austausch zwischen den Lernenden auf europäischer Ebene stehen auf der Webseite des Projekts nach Anmeldung zusätzlich zur Verfügung.
2.4 Unterstützung und Differenzierung
Da die Schülerinnen und Schüler weitgehend selbsttätig recherchieren, lesen, exzerpieren und schreiben, gewinnt die Lehrkraft im Unterricht Zeit, sich um ein einzelne Lernende zu kümmern und diese in ihrer Arbeit zu unterstützen. Voraussetzung dafür ist die Verfügbarkeit von ausreichend Computer- Arbeitsplätzen beziehungsweise Laptops für die einzelnen Lernenden. Die Arbeit mit dem Rechner kann hier sinnvoll zur Individualisierung von Lernprozessen eingesetzt werden.
Die Unterrichtsvorbereitung während der Projektarbeit reduziert sich für die Lehrkraft auf ein Minimum, so dass auch hier Zeit frei wird, um die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler auch außerhalb der eigentlichen Unterrichtsstunden zu begleiten, z.B. durch das Sichten von Zwischenergebnissen und Entwürfen mit entsprechenden ausführlichen Rückmeldungen oder das Beantworten von Fragen. Dies kann per Mail geschehen. Lohnender ist jedoch der Einsatz einer internetbasierten Lernplattform, da hier sowohl individuelle Rückmeldungen möglich sind, Arbeitsergebnisse und Hilfestellungen wie Fragen, Links, Texte ausgetauscht und zugänglich gemacht sowie die Arbeitsorganisation und Information der gesamten Gruppe geleistet werden können.
Die Lernenden können so differenziert durch eine intensive Lernbegleitung gefördert werden, zusätzlich bestehen für sie inhaltliche Wahlmöglichkeiten innerhalb eines vorgegebenen Thema oder zwischen verschiedenen Themen, wo sie entsprechend ihren Neigungen und Interessen eigene Forschungsschwerpunkte setzen können. Den einen interessiert vielleicht mehr die Entwicklung der Technik in Teleskopen oder Fotoapparaten, jemand anders beschäftigt sich lieber mit der Entwicklung der gewählten Motive, ihr erster Einsatz in Bildungseinrichtungen oder der Entstehung von entsprechend spezialisierten Geschäften in der eigenen Stadt. Dasselbe gilt für alle Themen: Beschäftigt man sich mit dem „Piano“, kann der Schwerpunkt auf den Klavierspielern, auf den Kompositionen, auf der Entwicklung des Klavierunterrichts, der Einrichtung einer Musikschule, auf der Technik und dem Klavierbau, den Fabriken und Geschäften oder den Veranstaltungen und Eindrücken der Zuhörer liegen.
Je nach Vorwissen lernen bzw. üben die Schülerinnen und Schüler neben den inhaltlichen Aspekten in diesem Projekt folgende Fähigkeiten und Kompetenzen:
- Selbstorganisation und selbstständiges Arbeiten über einen längeren Zeitraum
- Internetrecherche und Informationsbewertung
- Kooperatives Arbeiten im Team (ggf. mit Hilfe der Werkzeuge einer internetbasierten Lernplattform)
- ibliographieren
- Nutzung einer Bibliothek / eines Archivs
- Verfassen von Lexikonartikeln.
3 Ausblick
Bisher liegen etwas über 30 beispielhafte Beiträge von Schülerinnen und Schülern im Wiki vor und können dort eingesehen werden. Diese reichen aus, um zu zeigen, wie man in diesem Projekt arbeiten kann und dass sich sehenswerte Ergebnisse erzielen lassen. Eine durchaus positive Rückmeldung einer Schülerin zu dem Projekt Anfang der 11. Jahrgangsstufe lautete: „In der Schule wird man selten so gefordert.“ Auf das, was die Schülerinnen und Schüler mit ihren Beiträgen geleistet hatten, durften und dürfen sie zu Recht stolz sein. Alle haben in den Rückmeldungen angemerkt, dass sie hier wichtige, den eigentlichen Fachunterricht überschreitende Kompetenzen gelernt und eingeübt haben.
Nach der Planungs- und Probephase geht das Projekt nun weiter. Es ist jederzeit offen für die Mitarbeit und Beiträge von Schulen aus ganz Europa. Die Artikel können in Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch oder Polnisch eingereicht werden. Anders als in anderen Wiki, z.B. der Wikipedia, werden alle eingereichten Beiträge von einer Redaktion zunächst gesichtet und auf ihre Qualität und Richtigkeit geprüft. Erst nach der Prüfung werden sie online veröffentlicht beziehungsweise gegebenenfalls mit Hinweisen zur Überarbeitung an die Verfasser zurückgeschickt.
Gegenwärtig werden finanzielle Fördermöglichkeiten geprüft, um das Projekt zu professionalisieren und längerfristig zu sichern. Angedacht sind jährliche Wettbewerbe, in denen die besten Beiträge von einer Jury mit Preisen ausgezeichnet werden. Über Jahre hinweg soll so ein interaktives Schulbuch zur europäischen Kulturgeschichte entstehen. Der Vorteil des digitalen Wikis gegenüber einem Buch liegt auf der Hand: Es besteht keine Begrenzung hinsichtlich des Platzes. Alle Orte und Regionen können ihren Platz innerhalb der europäischen Kulturgeschichte in diesem „Buch“ finden. Interaktiv ist es insofern, als dass Schülerinnen und Schüler anders als bei ihren normalen Schulbüchern selbst Beiträge verfassen können und diese Beiträge für andere wiederum zu Informationstexten werden. Innovativ ist das Projekt in mehrfacher Hinsicht durch:
- die Schaffung eines interaktiven Schulbuchs von Schülern für Schüler,
- den selbstverständlichen Einsatz von ICT,
- die Mehrsprachigkeit des Wikis,
- die Verbindung von regionaler und europäischer Geschichte,
- die Neuschreibung der europäischen Kulturgeschichte unter
- netzwerk-/kommunikationstheoretischem Ansatz.
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