von Jan vander Meer, Deutsch Lehrer, Ignatiusgymnasium, Amsterdam
Die Abenteuer Münchhausens, die 1785 zum ersten Mal von dem deutschen Gelehrten Rudolph Erich Raspe in England unter dem Titel Travels and Surprising Adventures of Baron Munchausen veröffentlicht wurden, gehören heute zur Weltliteratur. Nicht nur werden sie noch immer häufig von Jugendlichen und Erwachsenen gelesen, sondern auch Deutschlehrer vieler Gymnasien und Realschulen benutzen sie noch gern im Unterricht. Wenige Leser dieser Abenteuer wissen aber, dass sie ursprünglich mit der Absicht publiziert wurden, die westeuropäische Reise- und Memoirenliteratur des Aufklärungszeitalters, darunter die Reiseberichte westeuropäischer Vertreter der Aufklärung über Rußland, Polen und andere osteuropäische Länder, ins Lächerliche zu ziehen.
Unter dem Einfluss der ab 1759 in zwei Teilen herausgegebenen Histoire de l'Empire de Russie sous Pierre le Grand Voltaires und anderer Studien der Enzyklopädisten wurde es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Frankreich, England und den anderen westeuropäischen Ländern immer populärer über Osteuropa zu schreiben. Schriftsteller und Gelehrten, aber auch Botschafter, Universitätsprofessoren oder Privatlehrer, die einige Jahre in Polen oder Rußland verbracht hatten, fingen auf einmal an, ihre Tagebücher, Memoiren und andere Schriften herauszugeben.
Forscher, die sich in der Sekundärliteratur mit diesen Schriften befasst haben, wie u.a. Jean Fabre und Larry Wolff, äussern sich im Allgemeinen sehr negativ über sie.1 Wolff wagt es sogar zu behaupten, die Schriften der westeuropäischen Aufklärer seien verantwortlich dafür, dass ein Bild geschaffen wurde, das sich bis auf heute erhalten hat, und zwar das Bild der osteuropäischen Länder als zurückgebliebene, zweitrangige Staaten. Dass dieses Bild geschaffen wurde, war vor allem eine Folge der Tatsache, dass die Autoren an den Ländern, über die sie schrieben, eigentlich nicht besonders interessiert waren. Wie Wolff meint, gab es generell zwei Arten von Autoren: diejenigen, die über die Länder schrieben, ohne sie in ihrem Leben auch nur ein einziges Mal besucht zu haben (die sogenannten "travellers in the imagination", wie z. B. Voltaire oder J. Marshall), und diejenigen, die die beschriebenen Länder zwar besuchten, aber nur um zu bestätigen, was sie zuvor in den Pionierarbeiten der früheren Osteuropareisenden schon gelesen hatten (die "imaginative travellers"). Diese spezifische Art der 'Selbstbezogenheit' verleiht den Osteuropaschriften der Aufklärungszeit zwar eine Einheit, die sie als literarische Gattung interessant macht, sie lässt die Schriften als Zeitdokumente jedoch nicht als besonders wertvoll erscheinen. In allen diesen Schriften wurden die beschriebenen Länder auf dieselbe arrogante Weise und unter Verwendung derselben Stereotype degradiert, wobei die Degradierung zwei Dimensionen kannte: Zum einen versuchte man, die Osteuropäer als rückständige Völker darzustellen, indem man sie ständig mit ihren Vorfahren, den Skythen, Slaven, Sarmaten usw. assoziierte (die zeitliche Dimension), zum anderen betonte man ihren feudalen Charakter anhand von Beschreibungen, in denen die Städte und Landschaften der verschiedenen osteuropäischen Länder stets auf ähnliche Weise pejorativ dargestellt werden (die räumliche Dimension). Es sind diese Beschreibungsstereotype, die Raspe mit seinem Baron verspottete.
Das beliebteste stilistische Verfahren in den Beschreibungen der Osteuropareisenden ist zweifellos der Kontrast oder das Paradox. 2 Dieses Verfahren wurde dazu benutzt, das absurd-chaotische, anarchistische Element, und damit die Rückständigkeit der besuchten Länder zum Ausdruck zu bringen. Die Widersprüche entstehen u.a. dadurch, dass die auf die Herkunft der zeitgenössischen Osteuropäer verweisenden Begriffe mit denen in einen Zusammenhang gebracht werden, die ihren Drang nach Modernisierung, d.h. Nachahmung des Westens, bezeugen. So beschreibt der französische Gesandte Louis-Philippe de Ségur, - der, bevor er 1784 die Grenze überquerte, in Potsdam von Friedrich II. noch vor dieser "freien", aber "mit Sklaven bevölkerten" Königsrepublik gewarnt wurde, - in seinen Mémoires, souvenirs, et anecdotes Polen als ein Land, in dem die Verfeinerung der Kunst und Literatur und der an Wien, Paris oder London erinnernde Charme des sozialen Lebens Warschaus mit provinziellem Sarmatismus einhergehen, und bemerkt über die Hauptstadt des halb-europäischen, halb-asiatischen Rußlands, dass hier zwar manche Leute in "prachtvollen", weil französisch-imitierenden Kostümen, manche aber auch in "asiatischen Kostümen" oder in "Schafsfellen" herumlaufen. Ähnliche Paradoxe finden sich in den Beschreibungen von Städten und Landschaften: de Ségur charakterisiert Polen im Ganzen als ein Land von "Wüsten und Palästen" ("des déserts et des palais"), der Engländer William Coxe beschreibt Warschau als eine Stadt mit "numerous splendid palaces and ill-constructed wooden hovels", und der Holländer Johan Meerman verwendet in Zusammenhang mit den Palästen Warschaus ständig das kontrastive Epitheton "schmutzig". 3
Dass Widerspruch mehr als nur ein stilistisches Verfahren sein kann, bezeugen die Memoiren Casanovas. Obwohl Eroberungen und erotische Abenteuer, wie bekannt, ein ständiges Thema der Histoire de ma vie sind, ist es doch kennzeichnend , dass sie erst dann einen perversen Charakter bekommen, als Casanova sich in Rußland und Polen aufhält. Wenn sich der italienische Abenteurer in diesen Ländern auf einmal für "Mädchen ohne Brüste" oder umgekehrt für einen "wie ein Mädchen aussehenden Leutnant" interessiert, ist es, als ob er damit im erotischen Bereich seinen Beitrag zu der allgemeinen Degradierung Osteuropas durch Kontraste liefern wollte. 4
Selbstverständlich löste die Abwertung Osteuropas in der westeuropäischen Reise- und Memoirenliteratur, die ja schliesslich vielfach übersetzt wurde, und überall in Europa entweder ungekürzt oder in Auszügen in Zeitungen erschien 5, Reaktionen aus. So entstanden in Polen Gegenstücke in der im Jahre 1791 für die Warschauer Bürger deutscher Herkunft herausgegebenen Zeitschrift Mannichfaltigkeiten oder Warschauer Wochenschrift, und wenn der maßgebende Osteuropareisende Coxe folgende Aussage über seine erste Erfahrungen mit den Wegen in Polen machte:
"I never saw a road so barren of interesting scenes as that from Cracow to Warsaw; throughout the whole tract not a single object presents itself which can draw the attention of the most inquisitive traveller [...] A forlorn stillness and solitude prevailed almost through the whole extent, with few symptoms of an inhabited, and still less of a civilized country " (Coxe 1785: 153)
attackierte die Warschauer Wochenschrift diese bald mit Sätzen, wie:
"Wenn du am Frühlingsmorgen durch die auflebenden Thäler der Schöpfung wandelst, wenn sich dein Auge an allen erquickt, und dein Herz von unbekannten Empfindungen zum Schöpfer der Welten sich empor hebt, so empfindest du das, was ich empfand, als ich Polens Länder betrat" (3. Brief, 4. Stück, S. 56 der Mannichfaltigkeiten).
Eine andere Art von Gegenstück bilden Raspes 1785 zum ersten Mal publizierten Abenteuer des Barons von Münchhausen, vor allem die Berichte über die Rußlandreise, die unwiderlegbar die westeuropäische Reise- und Memoirenliteratur des Aufklärungszeitalters verspotten. Das erkennt auch Wolff an. Er nennt das Buch als Beispiel für ein Werk, das die Angewohnheit der Aufklärer, die Völker Osteuropas immer wieder mit Skythen, Sarmaten usw. zu identifizieren, parodiert, und zwar in dem Moment, als Raspe seinen Helden entdecken lässt, dass die Skythen nicht die Vorfahren der Russen, sondern der Afrikaner sind. Diese Entdeckung macht der Baron von Münchhausen in Afrika, wo er bestimmte Inschriften findet, die außerdem darauf hinweisen, dass die Skythen ihrerseits von den Mondbewohnern abstammen, womit die ganze Reihe der Erfindungen schliesslich auf eine typisch münchhausenhafte Weise ins Groteske gezogen wird.6 Man kann den Parodiecharakter aber auch leicht noch mit anderen Beispielen belegen.
Am Anfang seiner Reise nach Rußland beschwert sich Münchhausen zunächst, wie die anderen Osteuropareisenden, klischeehaft über die schlechten Wege, findet aber rasch einen Ausweg: Er entschliesst sich, bei schlechtem Wetter (bei "Kälte und Schnee") zu fahren. Außerdem reist er so lange bis Nacht und Dunkelheit über ihn kommen. So braucht er sich, im Gegensatz zu Coxe, weder über den langweiligen und unzivilisierten Charakter der den Wegen entlang gelegenen Dörfer und Städte, noch über den üblen Staat der Wege selber, zu ärgern, weil man ja nichts sehen kann, oder, mit den Worten Münchhausens:
"Kein Dorf war zu hören oder zu sehen . Das ganze Land lag unter Schnee, und ich fand keinen Weg."
In derselben Szene verbindet der Baron das Motiv der schlechten Wege mit einem, den wir als meteorologisches Paradox bezeichen könnten. Wenn der Baron sich nachts zur Ruhe legen will, macht er sein Pferd an einem Objekt fest, von dem er glaubt, es sei ein Baum. Am nächsten Morgen muss Münchhausen aber feststellen, dass der Schnee wegen eines radikalen Wetterumschlags um einige Dutzende von Metern geschmolzen und gesunken ist, und dass er sein Pferd deshalb von der Spitze eines Kirchturmes herunterschiessen muss, um weiter reisen zu können. Es spricht für sich, dass nur in den von Kontrasten und Paradoxen beherrschten osteuropäischen Ländern von einem derartigen grotesken Wetterumschwung die Rede sein konnte.

Zeichnung von Gustave Doré in: Rudolf Erich Raspe, Avonturen van Baron van Münchhausen, bearb. und hrsg. von G. Keller und K.H. Schadd, Amsterdam/Haarlem: Van Asperen 1872.
Noch ein letztes Beispiel: Ich meine hier die berühmte Szene, in der der Baron zu Pferd auf einem Tisch tanzt. In Raspes Buch spielt diese Szene sich an einem litauischen Hof ab. Jeder, der sich in den Reiseberichten und Memoiren der Aufklärung auch nur ein wenig auskennt, weiß aber, dass hier in Wirklichkeit der Hof Katharinas II. gemeint ist. Viele westeuropäische Aufklärer und Abenteurer, von Diderot bis zu Casanova, besuchten die Zarin Katharina die Große an ihrem Hof, um sie zu beraten, wie sie über das russische Volk herrschen sollte, um sie über die Politik Westeuropas zu belehren, oder auch, um sie und ihre Hofgesellschaft von den verfeinerten kulturellen Konventionen ihrer Großstädte in Kenntnis zu setzen. Die Weise, auf die der Baron von Münchhausen das Pferd, das ein Moment zuvor noch ein wildes Pferd war (so wild, wie das russische Volk!), und das nur er hatte bändigen können, auf dem Tisch herumtanzen lässt, während die am Tisch versammelten Gräfinnen ächzen und voller Bewunderung zuschauen, wie er es mit seinen verfeinerten Reitkünsten schafft, die Teetassen, -kannen und Weingläser jeweils zu umgehen, scheint mir gewiss eine Anspielung auf die Begegnungen am Hof Katharinas zu sein. Oder sagen wir lieber: auf die vermutlich sehr subjektiven Beschreibungen dieser Begegnungen in den Berichten der Osteuropareisenden.
Natürlich kann man den Baron von Münchhausen auch mit Vergnügen lesen, wenn man den Kontext, in dem das Buch entstanden ist, nicht kennt. Die spontane Lesart bringt uns zum Lachen. Der intellektuelle Genuss erhöht sich jedoch beträchtlich, wenn man weiß, wie das Buch als Reaktion auf die Reiseliteratur und Memoiren der westeuropäischen Aufklärer entstanden ist, und wie es sie persifliert. Das Wissen bewirkt, dass wir über das Buch auch lächeln können. Der Leser, der am meisten Gefallen an dem Baron von Münchhausen findet, ist bestimmt derjenige, der sowohl über sie lachen als auch lächeln kann.
Fußnoten
1. Vgl. J. Fabre, Stanislas-Auguste Poniatowski et l'Europe des Lumières: Etude de Cosmopolitisme, Strassbourg 1952, und L. Wolff, Inventing Eastern Europe: The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford, Cal. 1994. Ausser Voltaire und Diderot nennen die beide u. a.: L.-PH. De Segur, Bernardin de Saint-Pierre, H. Vautrin, G.G. Casanova de Seingault, J. J. Bernoulli, W. Coxe, J. Harris, J. Marshall, W. Wraxall, J. G. Fichte, K. H. von Heyking, E. von Anspach, G. Forster, J.E. Biester, E. von der Recke, F. Schulz, J. J. Kausch, E. A. von Lehndorff, J. G. Seume, L. Engeström und Fortia de Pile & Boiseglin de Kerdu. Zu dieser Reihe gehört eigentlich auch noch der Holländer Johan Meerman, Heer van Dalem en Vuren, dessen Beschreibung Osteuropas mit Titel Eenige berichten omtrent het Noorden en Noord-Oosten van Europa, 's Graavenhage 1804-1806, 5 Bde., Bd. 4, bis auf jetzt ungenügend beachtet worden ist.
2. S. z.B. Fabre 1952, 24, in Bezug auf Polen: "Quant aux voyageurs, beaucoup ne semblent avoir parcouru la Pologne que pour y chercher l'illustration de ces contrastes".
3. L.-Ph. de Ségur, Mémoires, souvenirs, et anecdotes, par le comte de Ségur (Paris, 1859, S. 301); W. Coxe, Travels in Poland and Russia (London, 1784: 156 ); J. Meerman (1804-6: 325ff).
4. Vgl. in diesem Bezug die Interpretation der Memoiren Casanovas in Wolff 1994: 50-62.
5. Coxes Travels z.B. wurden zwischen 1785 und 1802 nicht weniger als fünfmal in der Originalsprache herausgegeben und daneben ins Französische (dreimal), Deutsche, Holländische und Schwedische übersetzt.
6. Vgl. dazu Wolff S.100-106, besonders S. 105.